Die EHEC-/HUS-Infektionswelle
Es waren die Sprossen


Nur wenigen Menschen war bis Mitte Mai dieses Jahres das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS, auch unter Gasser-Syndrom bekannt) ein Begriff. Es trat selten auf und hauptsächlich waren bisher in der Regel Kleinkinder und Säuglinge mit einem milden Erkrankungsverlauf betroffen, ohne dass es zu Todesfällen gekommen war. Im Juni 2011 aber war HUS in aller Munde, weil es in Folge einer Infektion mit EHEC-Bakterien, speziell mit dem Serotyp O104 (auch als Typ HUSEC 041 oder Serotyp O104:H4 bezeichnet), in stark gehäuftem Maße auftrat und im Gegensatz zu früher vor allem erwachsene Frauen davon betroffen waren. Zudem kam es zu einer irritierenden Häufung von Todesfällen.


von Herbert Schwinghammer /30.06.2011

Die Infektion mit den EHEC-Bakterien nahm vor allem im Norden Deutschlands einen epidemischen Verlauf bei letztendlich über 3.400 Erkrankten mit knapp 800 von HUS betroffenen Menschen. Auch im benachbarten Ausland kam es zu einer Häufung von Erkrankungen, wobei sich die Patienten meistens in der vorangegangenen Zeit in Norddeutschland aufgehalten hatten.

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EHEC (enterohämorrhagische Escherichia (E.) coli)

Im Gegensatz zu früheren (weitaus milderen) Formen von EHEC-Infektionen spielte der Verzehr von unbehandelter Rohmilch und rohem Rindfleisch keine Rolle. Zudem kam eine Übertragung der Bakterien durch Schmierinfektion von Mensch zu Mensch in Frage.

Die Infektionswege
EHEC stellt eine besondere Art von Darmbakterien dar, die im Verdauungstrakt von Wiederkäuern vorkommen, also vor allem bei Rindern, Schafen und Ziegen. Die EHEC-Bakterien sind natürlicher Bestandteil der Darmflora dieser Tiere, so dass sie daran nicht selbst erkranken. Demzufolge scheiden die Tiere die EHEC-Bakterien mit dem Kot aus. Die Bakterien können in der Umwelt, im Boden und im Wasser wochenlang überleben, so dass EHEC durchaus beim Bewässern über verunreinigtes Wasser auf Gemüse gelangen kann.

So infizieren sich Menschen in der Regel auf oralem Weg mit den EHEC-Bakterien, indem sie mit EHEC kontaminierte Nahrung aufnehmen. Vor allem gilt dies für Lebensmittel, die unmittelbar von Wiederkäuern stammen, also Rohmilch und Fleischprodukte. Im Ausbruchsgeschehen von 2011 schienen aber insbesondere Salatgurken, Blattsalat, Tomaten und Sprossen eine wichtige Rolle zu spielen. Inzwischen liegt der Fokus der Aufmerksamkeit nur noch auf Sprossen. Wie die Bakterien auf das Gemüse gelangt sein könnten, ist noch unklar. Wie bereits erwähnt, könnte die Bewässerung des Gemüses mit EHEC-kontaminiertem Wasser die Ursache sein. Es sind aber auch andere Wege denkbar, wie das Gemüse mit den Bakterien in Kontakt gekommen sein könnte.

Übertragung von Mensch zu Mensch
Die Übertragung der Bakterien durch Schmierinfektion von Mensch zu Mensch darf nicht unterschätzt werden. Damit wäre eine weitere Ausbreitung ohne aktive Infektionsquelle zumindest theoretisch zu erklären. Allerdings kann dieser Infektionsweg mit der sorgfältigen Einhaltung hygienischer Standards eingedämmt werden. (Lesen Sie bitte hierzu in der Spalte rechts „Im Alltag gegen EHEC“.) Auch eine unzureichende Küchenhygiene, der direkte Kontakt zwischen Mensch und Tier (Wiederkäuer) oder das Baden in mit Tierkot verschmutztem Gewässer kann eine Infektion mit EHEC zur Folge haben, erklärt aber nicht das regional großflächige Auftreten von EHEC-Erkrankungen in großer Anzahl.

Chronologie:

26.05.2011: EHEC-Bakterium auf spanischen Gurken gefunden
In Hamburg wurden einige spanische Salatgurken sichergestellt, auf denen man EHEC-Bakterien entdeckte. Nicht auszuschließen ist derzeit allerdings, dass die Bakterienfunde auf einigen wenigen Gurken aus Spanien Zufallsfunde sind und die Infektionswelle andere Ursachen hat. Denn die hohe Anzahl an mit EHEC infizierten Menschen ist mit einigen kontaminierten Gurken nicht zu erklären. Denkbar wäre aber die systematische Kontaminierung einer sehr großen Anzahl von Salatgurken beim Erzeuger, auf dem Transportweg oder in der Verteillogistik. Obwohl weiterhin täglich eine hohe Anzahl von neu Infizierten zu beklagen ist, ist es nicht sicher, dass die Infektionsquelle noch immer aktiv ist. Angesichts der Inkubationszeit von bis zu 10 Tagen (der Zeitraum von der Ansteckung bis zum Auftreten von Symptomen) erscheint die Existenz einer einzigen Infektionsquelle, die inzwischen nicht mehr aktiv ist, möglich. Bei jedem Tag, der neue EHEC-Infektionen mit sich bringt, wird dies allerdings unwahrscheinlicher. Dann erscheint es als naheliegend, dass sich Menschen fortgesetzt neu infizieren und die Infektionsquelle nach wie vor aktiv ist. Inzwischen geht man davon aus, dass die Quelle tatsächlich noch aktiv sei.

26.05.2011: Neuer Schnelltest entwickelt
Ein neuer im Universitätsklinikum Münster entwickelter Schnelltest weckt Hoffnung auf einen Durchbruch zumindest in der Diagnostik. Professor Karch von der Uni Münster: „Mit dem Test kann der Nachweis erbracht werden, ob eine Person mit dem aktuellen EHEC-Erreger infiziert ist. Dabei wird in den Proben nach vier Genen gesucht, die in ihrer Kombination so nur bei dem aktuellen Ausbruchsstamm HUSEC041 (O104:H4) auftreten. Sind alle vier Gene vorhanden, ist eine Infektion hiermit nachgewiesen. Sind diese Gene nicht vorhanden, kann eine Infektion mit dem Erregerstamm des aktuellen Ausbruchs schnell ausgeschlossen werden.“ Der Test kann auch bei verdächtigen Isolaten aus Lebensmitteln oder Umweltproben zur Bestätigung verwendet werden, was eine effektivere Suche nach der Infektionsquelle verspricht. (> zum Originalartikel des Universitätsklinikums Münster)

31.05.2011: Spanische Gurken nicht mit dem "richtigen" EHEC-Erreger infiziert

Die in Hamburg sichergestellten spanischen Gurken sind nicht mit dem EHEC-Serotyp O104 infziert, der für die Infektionswelle in Frage kommt. Dass es sich bei dem auf den Gurken entdeckten Erreger um ein EHEC-Bakterium handelt, ist dagegen sicher. Wie die EHEC-Bakterien auf die Gurken gekommen sind, bleibt ungewiss. Nach spanischen Angaben waren Stichproben bei den Herstellern ohne Ergebnis geblieben.

02.06.2011: Genom des EHEC-Bakteriums entschlüsselt
Ärzten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ist es mithilfe chinesischer Kollegen gelungen, das Genom des Bakteriums zu entschlüsseln. Das Bakterium habe zwei Erregertypen in sich vereint, wobei offensichtlich zwei Bakterien Teile ihrer Erbsubstanz miteinander ausgetauscht hätten. Bei einer solchen "Vereinigung" gingen Eigenschaften eines Keimes auf den anderen über und bildeten ein Hybrid-Klon, wie es in diesem Fall noch nie beobachtet worden sei. Etwa 80 Prozent stammen von dem bekannten EHEC-Serotyp O104, während 20 Prozent von einem noch unbekannten Erregertyp übernommen worden sei.

05.06.2011: Sprossen aus Niedersachsen unter Verdacht

Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die EHEC-Bakterien auf den im Hamburger Großmarkt sichergestellten Gurken nicht identisch sind mit dem EHEC-Typ HUSEC 041 und man mit der Suche nach der Infektionsquelle von vorn begonnen hatte, stehen nun Sprossen aus Niedersachsen im Verdacht, mit EHEC-Bakterien belastet zu sein. Aus einem Gartenbaubetrieb im Kreis Uelzen stammen viele verschiedene Sprossenarten (wie beispielsweise Bohnenkeimlinge, Brokkolisprossen, Kichererbsensprossen, Erbsensprossen, Knoblauchsprossen, Linsensprossen, Mungobohnenkeimlinge, Radieschen- und Rettichsprossen), die auch als Mischungen verkauft werden. Sprossen werden roh vor allem auf Salaten verwendet, was zu den bisher ermittelten Infektionswegen gut ins Bild passt, weil schon von Anfang an Salate im Fokus der Suche nach der Infektionsquelle standen. Die Uelzener Firma taucht sowohl in der Lieferkette des Lübecker Restaurants wie auch beispielsweise in der einer Frankfurter Kantine auf, in denen auffällig viele Meschen an EHEC-Bakterien erkrankten. Allerdings haben die Tests bisher keinen Beweis dafür erbracht, dass Sprossen aus diesem Bartenbaubetrieb infiziert wären bzw. gewesen wären.

08.06.2011: Mit EHEC-Typ HUSEC 041 infizierte Gurken in Brandenburg entdeckt
Eine neue Spur zur Infektionsquelle der aktuellen Erkrankungswelle fanden Lebensmittelkontrolleure in Sachsen-Anhalt. Im Mülleimer einer Familie, in der alle Familienmitglieder an EHEC erkrankten, wurden Gurkenreste sichergestellt, auf denen man inzwischen Bakterien des EHEC-Typs HUSEC 041 fand. Allerdings lagen die Gurken schon etwa zwei Wochen im Müll, so dass nicht mehr zweifelsfrei festgestellt werden kann, wie die Bakterien auf die Gurke gekommen sein könnten. So wird der Fund als nicht besonders hilfreich bei der Suche nach der Ausbruchsquelle eingeordnet, weil auch die Überprüfungen der Ware des Lebensmittelhändlers, bei dem die Familie gekauft hatte, zu keinem positiven Ergebnis führten.

10.06.2011: Nahezu sicher - die Sprossen sind die Infektionsquelle
Die Warnung vor Gurken, Tomaten und Blattsalaten wurde heute aufgehoben. Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Professor Reinhard Burger, sagte dazu, die Sprossen wären die Verursacher gewesen. Ein endgültiger Nachweis sei zwar noch nicht gelungen, dennoch habe man einen großen Fortschritt erzielt. Das RKI warnt dementsprechend nun mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und dem Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) vor dem Verzehr von rohen Sprossen. Es hätte sich der Verdacht erhärtet, dass Keimlinge eines Biohofes aus dem niedersächsischen Landkreis Uelzen Quelle des EHEC-Ausbruch seien. Erstmal war in Nordrhein-Westfalen der gefährliche EHEC-Typ O104 an Sprossengemüse nachgewiesen worden. Wie die Keime allerdings auf das Gelände des Biohofes gekommen sind, ist nach wie vor unklar.
Inzwischen geht die Anzahl von Neuerkrankungen offenbar zurück. Das heißt, dass die Zahl der Erkankten noch immer zunimmt, aber nicht mehr in der Geschwindigkeit der letzten Wochen. Deshalb warnt auch das RKI vor der Annahme, das Problem sei schon ausgestanden. Auch das Gesundheitsministerium weist darauf hin, dass bei den an HUS Erkrankten wohl leider noch mehr Todesfälle zu beklagen sein werden.

11.06.2011: Die Infektionsquelle könnten Menschen sein
Bisher ging man davon aus, dass alle EHEC-Bakterien im Darm von Wiederkäuern vorkommen und über die Ausscheidungen über verschiedene Wege auf Lebensmittel gelangen können. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vermutet nun, dass das aktuell zirkulierende Bakterium möglicherweise vom Menschen ausgegangen ist. Das BfR kommt zu dem Schluss, "dass der Eintrag des Erregers im jetzigen Ausbruchsgeschehen in betroffene Lebensmittel über den Menschen oder vom Menschen über die Umwelt erfolgt sein kann." Dass man es mit einem sehr speziellen Erreger zu tun hat, ist schon seit einigen Tagen bekannt. Dieser EaggEC-Typ (auch EAEC genannt) ist laut BfR aber typischerweise bei Menschen zu finden. Dieser Erreger konnte bislang nicht bei Tieren nachgewiesen werden und auch in der Fachliteratur seien keine Nachweise bei Tieren beschrieben. Daraus könne der Schluss gezogen werden, dass der Mensch als Quelle für eine mögliche Kontamination von Lebensmitteln und Umwelt in Frage kommen könnte.

Bei etwa einem Viertel der Betroffenen schwere Folgeerkrankungen
Die EHEC-Bakterien produzieren Zellgifte (Shigatoxine, Verotoxine), die beim Menschen zu schweren Erkrankungen führen können. Bisher waren in der Regel vor allem Säuglinge, Kleinkinder, ältere und abwehrgeschwächte Menschen gefährdet, heute sind überdurchschnittlich viele erwachsene Frauen betroffen. Die ersten Symptome einer Infektion mit EHEC sind ein unblutiger, häufig wässriger Durchfall, der von Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen begleitet wird, wobei eher selten Fieber auftritt. In den meisten Fällen verschwinden die Symptome ohne gesundheitliche Folgen. Die EHEC-Infektion kann aber auch unerkannt bleiben, weil keine oder kaum spürbare Symptome auftreten. Allerdings kann eine Infektion mit EHEC-Bakterien auch eine schwere Verlaufsform nehmen. In der derzeitigen Infektionswelle erkranken etwa ein Viertel der Betroffenen am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS).

>>> HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom) - gefürchtete Komplikation


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Im Alltag gegen EHEC

Über die üblichen Hygieneregeln im Umgang mit Obst und Gemüse hinaus wird vorsorglich bis auf weiteres empfohlen, Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren.

Selbstverständlich gilt insbesondere auch derzeit, dass Personen mit Durchfall unbedingt darauf achten sollten, strikte Händehygiene einzuhalten – dies gilt vor allem gegenüber Kleinkindern und immungeschwächten Personen, aber auch angesichts der hohen Anzahl der EHEC-Infektion im Umgang unter erwachsenen Menschen.

Alle Situationen, in denen eine Schmierinfektion zwischen Menschen möglich erscheint (also ein unmittelbarer oder zeitnaher Kontakt von Kot des einen zum Mundbereich des anderen Menschen), sollten vermieden werden.

Das „Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)“ hat speziell für die Zubereitung von Speisen einen Maßnahmenkatalog gegen eine Infektion mit EHEC-Bakterien herausgebracht:

- Vor der Zubereitung frischer Produkte die Hände 20 Sekunden mit warmem Wasser und Seife waschen.

- Das Nahrungsmittel unter fließendem Wasser abreiben, eventuell eine spezielle Gemüsebürste benutzen. Seife ist aber nicht nötig.

- Obst oder Gemüse selbst vor dem Schälen waschen, damit Keime nicht an Messer oder Hände gelangen (Achtung: Aktuelle Ergänzung unten!).

- Mit einem Küchentuch aus Papier abtrocknen, um die Keimzahl weiter zu verringern.

- Die äußeren Blätter von Kohl oder Kopfsalat wegwerfen.

- Rohes Fleisch getrennt von anderen Lebensmitteln lagern und zubereiten, auch beim Grillen.

- Flächen und Gegenstände nach Kontakt mit Fleisch, dessen Verpackung oder Tauwasser gut reinigen.

- Lappen und Handtücher danach wechseln und bei 60° C waschen.

- Menschen aus Risikogruppen sollten auf Zwiebelmettwurst, Teewurst, "Braunschweiger" und Rohmilchkäse verzichten.

- Kochen, Braten und Pasteurisieren (70° C für zwei Minuten im Kern des Lebensmittels) tötet EHEC ab.

- Gegen saures Milieu, Kälte (auch in der Gefriertruhe), Austrocknen oder Salz sind EHEC-Bakterien unempfindlich.

- Kinder im Streichelzoo oder auf dem Bauernhof beaufsichtigen: Essen und Trinken sollten die Kleinen außerhalb der Gehege zu sich nehmen.

- Auch im Haushalt und vor allem beim Toilettenbesuch ist Händehygiene wichtig.

! Aktuelle Ergänzung des BfR:

Die üblichen Hygienemaßnahmen, wie das Waschen und Schälen, reichen aus Sicht des BfR bei den drei verdächtigten Gemüsesorten derzeit nicht aus, da bereits geringe Keimmengen eine EHEC-Infektion auslösen können. Das Waschen von Gemüse bewirkt zwar eine Reduktion der Keimzahl, aber keine sichere Eliminierung des Erregers. Durch Händekontakt beim Schälen besteht die Gefahr der Verbreitung des Keims in der Küche. Eine sichere Abtötung von EHEC erfolgt nur, wenn das Gemüse erhitzt wird.



Nützliche Links:

Robert-Koch-Institut (RKI)
Bundesinstitut für Risikobwertung (BfR)
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)