Das neue Buch zum Thema

Aktiv gegen Arthrose

»Aktiv gegen Arthrose« — so heißt der Titel eines neuen Ratgebers, der u.a. mit einem speziell für die Gelenke entwickelten Übungsprogramm und mit Empfehlungen für geeignete Verhaltensmaßnahmen Hilfe zur Selbsthilfe gibt. Zudem informiert er sachkundig über Symptome, Diagnose und Therapie der Arthrose. topfit sprach mit dem Autor, dem Orthopäden und Sportmediziner Dr. med. Christian Jessel darüber, wie einer Arthrose vorgebeugt bzw. wie sie effektiv behandelt werden kann

Von Dr. Nicole Schaenzler

Herr Dr. Jessel, besteht für alle Menschen ein gleich hohes Risiko, eine Arthrose zu entwickeln?
Dr. Jessel: Arthrose heißt so viel wie Gelenkverschleiß. Von der fortschreitenden Abnützung sind vor allem die Oberflächen der Gelenke, also die Gelenkknorpel, betroffen. Diese Abbauvorgänge betreffen im Wesentlichen alle Menschen; deshalb ist ab einem gewissen Alter ein mehr oder weniger ausgeprägter Gelenkabbau als normal anzusehen. Allerdings ist zunehmendes Lebensalter für sich allein genommen noch kein Auslöser der Arthrose. Ob, wann und in welchem Ausmaß sich eine Arthrose durch Schmerzen oder Bewegungsbeeinträchtigung bemerkbar macht und damit »echten« Krankheitswert erlangt, hängt von vielen Faktoren und Einflüssen ab. Bestimmte (Sport-)Verletzungen am Gelenk oder an gelenknahen Knochen, aber auch einseitige Gelenkbelastung, Entzündungsprozesse in den Gelenken, angeborene oder erworbene Gelenkfehlstellungen und — nicht zu vergessen — eine genetische Veranlagung lassen das Risiko einer Arthrose deutlich ansteigen. Ebenso fördern z.B. eine einseitige, nährstoffarme Ernährung, mangelnde Bewegung und Übergewicht die Entstehung einer Arthrose.

Aktiv gegen Arthrose — kann man einer Arthrose tatsächlich vorbeugen?
Dr. Jessel: Im Gegensatz zu vielen anderen Gelenkerkrankungen ist es durchaus möglich, arthrosespezifische Abbauvorgänge durch bestimmte Verhaltensmaßnahmen aufzuhalten bzw. günstig zu beeinflussen. Selbst wenn es sich um eine Arthrose mit ausgeprägten Beschwerden handelt, kann der fortschreitende Prozess der Gelenkschädigung durch eine Umstellung ungünstiger Gewohnheiten verlangsamt oder sogar gestoppt werden. Regelmäßige körperliche Aktivität, eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung und natürlich eine Gewichtsreduktion bei vorhandenem Übergewicht, sind hier an erster Stelle zu nennen.

In Ihrem Buch stellen Sie ein Übungsprogramm vor, das speziell für die Gelenke entwickelt wurde. Überhaupt betonen Sie, dass Bewegung sehr wichtig für Arthrosepatienten ist…
Dr. Jessel: … das stimmt, denn mangelnde Bewegung lässt das Gelenk im wahrsten Sinn des Wortes »einrosten«. Es gibt allerdings Sportarten, die man bei einer fortgeschrittenen Arthrose nicht treiben sollte. Um Schmerzen und einer Einschränkung der Mobilität vorzubeugen, sollte jeder Arthrosepatient — am besten gemeinsam mit seinem Arzt — einen Weg finden, um körperlich aktiv zu bleiben. Hier kann das Übungsprogramm wertvolle Dienste leisten. Denn die Dehn- und Kräftigungsübungen zielen darauf ab, über eine Stärkung von gelenkstabilisierenden Muskeln und -unterstützenden Strukturen wieder eine gute Gelenkführung zu erreichen. Wer diese Übungen regelmäßig absolviert, verbessert seine schmerzfreie Beweglichkeit, beugt einer Einsteifung vor und erhält bzw. erhöht seine Lebensqualität.

Was kann der Arzt tun, um eine Arthrose zu lindern?
Dr. Jessel: Gemeinsam mit dem Patienten sollte er eine umfassende Behandlungsstrategie entwickeln, die sich individuell am Beschwerdebild des Betroffenen, aber auch an dessen Lebensumständen orientiert. Hierfür kommen, neben den bekannten konservativen Maßnahmen, inzwischen auch verschiedene neue Behandlungsmöglichkeiten infrage. So haben wir z.B. mit der pulsierenden Signaltherapie (PST) sehr gute Erfahrungen gemacht. Dieses Verfahren ist besonders schonend und zielt darauf ab, die Regeneration der körpereigenen Knorpelzellen in Gang zu setzen. Dabei kommt ein spezielles Therapiegerät zum Einsatz, das magnetische Impulse erzeugt, die direkt auf das betroffene Gelenk einwirken und so den Stoffwechsel der Knorpelzellen aktivieren. Allerdings ist die PST weniger geeignet, wenn die Gelenkzerstörung schon so weit fortgeschritten ist, dass kaum mehr Knorpelzellen vorhanden sind. Die Interleukin-Therapie, ein Verfahren der biomolekularen Arthrosetherapie, basiert auf einer direkten Injektion in das betroffene Gelenk. Hierbei handelt es sich um bestimmte knorpelschützende Anti-Interleukine, die aus Eigenblut gewonnen, in einem aufwändigen molekular-biologischen Prozess vermehrt und dann zu einer Injektionslösung verarbeitet werden. Mit dieser Therapie soll zum einen der Entzündungsprozess gestoppt und zum anderen die Knorpelregeneration angeregt werden. In den letzten Jahren wurden verschiedene Verfahren entwickelt, mit deren Hilfe man neue Knorpelzellen in defekte Gelenkabschnitte einbringen und so lokal begrenzte Knorpelschäden reparieren kann. Vor allem die OATS-Methode zeigt in ersten Studien gute Ergebnisse. Bei diesem Eingriff werden einem Gelenkteil, der wenig belastet ist, Knorpel-Knochen-Zylinder entnommen. In derselben Operation werden diese Zylinder dann mosaikartig in die zuvor vorbereitete Gelenkfläche eingestanzt. Das Verfahren ist in erster Linie als Arthroseprophylaxe bedeutsam: Da Gelenkknorpel bei Knorpelverletzungen von sich aus nicht heilen kann, besteht die Gefahr, dass sich eine vorzeitige Arthrose entwickelt. Wächst nach Einsatz des Knorpelzylinders ein neuer, robuster Knorpel nach, ist diese Gefahr gebannt.

Wann ist der Einsatz eines künstlichen Gelenks unvermeidlich?
Dr. Jessel: Wenn alle therapeutischen Maßnahmen keine Besserung mehr bringen und die Aktivitäten des täglichen Lebens durch die Beschwerden zunehmend eingeschränkt sind, sollte an einen operativen Eingriff gedacht werden. Nur so ist es in diesem Stadium möglich, schwere Schmerzzustände zu beseitigen und die Funktionsfähigkeit des betroffenen Gelenks wieder herzustellen. Dank der kontinuierlichen Weiterentwicklung der operativen Techniken und der Materialien ist die Implantation eines künstlichen Gelenks heute ein Eingriff mit geringem Risiko.

 

Zur Person

Dr. med. Christian Jessel, Jahrgang 1963, ist als niedergelassener Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin in eigener Praxis und Klinik mit seinem Partner Rüdiger Neitzel im Ärztezentrum am Flughafen München (MAC) tätig. Schwerpunkte ihres Behandlungsspektrums sind u.a. die Arthrosetherapie, Arthroskopie und Endoprothetik.

Weitere Informationen unter:
www.orthopaedie-flughafen.de