Schonend, sicher, schmerzfrei
Die virtuelle Darmspiegelung (Koloskopie) ist ein Verfahren der computergestützten diagnostischen Radiologie, das eine Spiegelung des Dickdarms ohne den Einsatz eines Endoskops ermöglicht. Dabei gewährt eine innovative Technologie einen noch genaueren Einblick ins Darminnere, wodurch selbst kleinste Auffälligkeiten erkannt werden können. Im Gespräch mit TOPFIT erläutert der Münchner Facharzt für Radiologie Dr. med. Michael Risch die Vorteile des neuen Computerprogramms.
Von Dr. Nicole Schaenzler
Herr Dr. Risch, die Spiegelung des
Darms spielt bei der Früherkennung
von Darmkrebs eine Schlüsselrolle.
Was genau passiert während der virtuellen
Koloskopie?
Dr. Risch: Die virtuelle Koloskopie —
oder virtuelle Darmspiegelung —
erlaubt eine direkte Betrachtung der
Dickdarmschleimhaut. Dies ist für die
Diagnostik von Dickdarmerkrankungen
und insbesondere von Darmkrebs
und seinen Vorstufen unverzichtbar.
Im Unterschied zur herkömmlichen
Darmspiegelung erfolgt die virtuelle
Koloskopie jedoch nicht mittels eines
schlauchartigen Endoskops, sondern
mithilfe eines strahlenarmen Computertomographen
(CT), der mit einer
Mehrschnitt-Bildverfahrenstechnologie
und einer stark beschleunigten Bildfolge
arbeitet. Die Bilddaten werden in
einen Computer eingespeist und dort
zu einem virtuellen, dreidimensionalen
Bild zusammengesetzt. Dieser Datensatz
ermöglicht es dem erfahrenen
Arzt, einen virtuellen »Flug« durch den
Darm des Patienten zu simulieren und
so z. B. Darmpolypen oder einen Tumor
zu entdecken. Damit ist die virtuelle
Koloskopie eine patientenschonende
Untersuchung, die zuverlässige Ergebnisse
liefert, ohne dass Instrumente
in den Darm eingeführt werden. Müssen
(kleinere) Darmpolypen entfernt
werden, ist allerdings nach wie vor
die endoskopische Darmspiegelung notwendig.
Für die Umwandlung der CT-Aufnahmen
in dreidimensionale Bilder
setzen Sie ein Computerprogramm
ein, mit dem bislang hauptsächlich
die großen Universitätskliniken arbeiten.
Was sind die Vorteile dieser
Vorgehensweise?
Dr. Risch: Das Computerprogramm
zeichnet sich durch eine ganze Reihe
von Vorteilen aus. Vor allem versetzt es
uns in die Lage, all die Informationen,
die uns die hochmoderne CT-Technologie
liefert, umfassend für eine exakte
Diagnose zu nutzen. Dazu muss man
wissen, dass der Multislice-Computertomograph
in weniger als 20 Sekunden
Schicht für Schicht des gesamten
Dickdarminneren in mehreren hundert
Einzelbildern liefert. Diese auszuwerten
und zu beurteilen bildet die
Grundlage für die Sicherung der Diagnose.
Früher war dieser so wichtige
Arbeitsschritt aufgrund der enormen
Datenmenge ein extrem aufwendiger
Prozess, sodass die Vorzüge der multivisuellen
3-D-Darstellung gar nicht
immer voll ausgeschöpft werden konnten.
Die Software hat diesen Workflow
stark vereinfacht, indem sie innerhalb
kürzes ter Zeit automatisch buchstäblich
alle relevanten Daten erfasst und
uns auf dem Bildschirm mehrdimensional
zur Verfügung stellt.
Können auch sehr kleine Veränderungen
aufgespürt werden?
Dr. Risch: Ja, sicher. Die Detailansicht
und die extrem gute Bildqualität sind
sehr überzeugend, hinzu kommt, dass
wir den Darm virtuell gewissermaßen
in zwei Hälften »zerlegen« können
— dieser Arbeitsschritt wird auch
als »split view« bezeichnet. Auf diese
Weise bleibt unser Blick nicht mehr
auf die Oberfläche der Darmwände
beschränkt, sondern wir können auch
die darunter liegenden Schichten und
sogar das mesenteriale Fettgewebe,
das die einzelnen Darmfalten umgibt,
von allen Seiten betrachten. Die farbkodierte
Aufbereitung der Informationen
erleichtert es zusätzlich, kleinste
Darmpolypen und andere mikrokleine
Veränderungen und sogar flach bzw.
zylindrisch wachsende Tumoren aufzuspüren,
die früher von gesundem
Gewebe nur schwer zu unterscheiden
waren.
Insgesamt lässt sich sagen, dass uns
das Computerprogramm in der Entdeckung
und Beurteilung von auffälligen
Befunden eine sehr hohe Sicherheit
bietet. Dies ist gerade im Kampf gegen
Darmkrebs von besonderer Bedeutung:
Je früher ein bösartiger Tumor oder
seine Vorstufen erkannt und behandelt
werden, desto besser sind die
Heilungsaussichten — im Frühstadium
liegen sie bei nahezu 100 Prozent. Im
Übrigen lassen sich mit der virtuellen
Koloskopie nicht nur der Darm, sondern
auch die benachbarten Lymphknoten
und alle anderen Organe im
Bauchraum erfassen. Auf diese Weise
kann z. B. festgestellt werden, ob und in
welchem Ausmaß sich ein Tumor ausgebreitet hat.
Ist die Untersuchung schmerzhaft?
Dr. Risch: Nein, Schmerzen entstehen
nicht; somit sind auch keine Schmerz- oder
Beruhigungsmittel notwendig. Es
wird lediglich ein Medikament eingesetzt,
das für etwa zehn Minuten den
Darm ruhig stellt; dieses ist jedoch
kaum belastend und schränkt das
Reaktionsvermögen nicht ein. Außerdem
wird der Darm kurz vor der Untersuchung
mit etwas Luft gefüllt. Für ein
exaktes Ergebnis ist es notwendig, die
Darmwände zu entfalten. Insgesamt
dauert die Untersuchung nicht länger
als 15 Minuten.
