Behandlung, Pflege, Betreuung und Respekt

Diagnose Demenz

Die demografische Entwicklung in Deutschland spricht Bände: Die Menschen werden immer älter. Doch die hinzugewonneneLebenszeit ist parallel dazu immer häufiger mit Krankheit, Behinderung und Pflegeabhängigkeit verbunden. Eine der häufigsten Erkrankungen im Alter ist die Demenz. Etwa eine Millionen Menschen in Deutschland leiden mittlerweile unter dieser Krankheit.

Von Dr. Nicole Schaenzler

Bei den über 80-Jährigen ist heute jeder fünfte von Demenz betroffen, bei den über 90-Jährigen jeder dritte. Bis zum Jahr 2020 wird ihre Zahl von ca. einer Million auf ca. 1,4 Millionen Betroffene steigen – und weiter auf über zwei Millionen bis zum Jahr 2050 anwachsen. Auf Bayern bezogen ist für das Jahr 2023 mit rund 225 000 Demenzerkrankungen zu rechnen. Die Betreuung und Pflege der Dementen und die damit verbundenen Belastungen für die Betroffenen, ihre Angehörigen und die Pflegenden ist eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit.
»Ohne Geist sein«

Die wörtliche Übersetzung von »Demenz« bedeutet »ohne Geist sein«. Es handelt sich um eine schnell fortschreitende Erkrankung des Gehirns, bei der u.a. Gedächtnis, Sprache und Orientierungsvermögen leiden. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, neue gedankliche Inhalte aufzunehmen und wiederzugeben.
Demenz ist eine Krankheit, die jeden, unabhängig von Gesellschaftsschicht und Lebensgewohnheiten, treffen kann. Dennoch wird das Thema sowohl von persönlich betroffenen als auch von nicht betroffenen, außenstehenden Personen oft gemieden. Früher wurde von »Alterssenilität« oder auch »Altersverrücktheit« gesprochen. Betroffene wurden im engsten Familienkreis betreut und oft aus Scham von der Außenwelt abgeschirmt. Auch heutzutage wird über einen Demenzfall in der Familie selten geredet.
Die Ursache für diese Reaktionen liegen in den tiefgreifenden Konsequenzen: Der Mensch mit Demenz verliert die Fähigkeit, zu planen und danach zu handeln, er verliert an Verstand und Vernunft. Demente können nicht mehr Autofahren, beim Spazierengehen finden sie nicht mehr den Weg zurück, und sie können oft keine Entscheidungen mehr treffen. Sie sind in ihrer Selbstständigkeit, die sie sich im Lauf des Lebens mühsam erarbeitet haben, stark eingeschränkt. Trotz der modernen Medizin gibtes bisher keine Mittel, um eine Demenzerkrankung zu heilen, aber sie lässt sich therapieren.

Medikamente und Anregung

Eine moderne Behandlung beruht im Wesentlichen auf zwei Säulen: der medikamentösen Therapie und der optimalen Betreuung, um geistige Anregung und Geborgenheit zu bieten. Die Umsetzung der Therapien gehört in die Hände von Spezialisten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass pflegebedürftige Menschen in der Regel möglichst lange in ihrer häuslichen Umgebung wohnen bleiben möchten. Das führt dazu, dass ein Großteil der an Demenz Erkrankten von Angehörigen, zum Teil mit Unterstützung ambulanter Pflegedienste, zu Hause betreut wird. Ein kleiner Teil besucht Tagespflegeeinrichtungen. Die Verlegung des Dementen in eine Einrichtung mit einer offenen, halboffenen oder beschützenden Wohngruppe kommt für viele Angehörige meist erst sehr spät in Frage, da ein solches Handeln oft mit schweren Schuldgefühlen verbunden ist. Dabei ist die Demenz eine Erkrankung, die nicht nur besonders schwer zu behandeln, sondern für Angehörige langfristig auch besonders schwer zu ertragen ist. Neben den Gedächtnis-und Orientierungsstörungen verändern sich bei fast allen Menschen mit Demenz die Persönlichkeit und Verhalten in dramatischer Weise: Sie ziehen sich zurück, werden misstrauisch und reagieren aggressiv.
Gerade diese Verhaltensauffälligkeiten belasten die Angehörigen sehr, erschweren die Pflege und den täglichen Umgang. Die Betreuung von Menschen mit Demenz beansprucht nicht nur sehr viel Zeit, Zuwendung und Kraft, vielmehr fordert sie die Angehörigen oft physisch und psychisch bis an die Grenze der Belastbarkeit. Sie benötigen Anteilnahme, psychologische Unterstützung und vor allem Entlastung.
In spezialisierten Senioreneinrichtungen wie denen der Sozialservice-Gesellschaft des Bayerischen Roten Kreuzes GmbH arbeiten Fachleute, die sich auf die Betreuung von Menschen mit Demenz spezialisiert haben. Ihre Aufgabe ist es, sich immer wieder in die Gefühlswelt der Betroffenen hineinzuversetzen.
Als Grundlage hierfür dient das Konzept von Tom Kitwood, einem ehemaligen Professor für Sozialpsychologie an der Universität Bradford. Er ist ein Verfechter des person-zentrierten Ansatzes, der besagt, dass das Umfeld und die Art der Betreuung wesentlich zum Wohlbefinden der Menschen beitragen können. Entgegen der früheren Annahme, dass über die Versorgung mit Essen, Medikamenten und körperlicher Hygiene hinaus nicht viel für altersverwirrte Menschen getan werden kann, stellt Kitwood die positive  Arbeit an der Person in den Mittelpunkt. Es geht ihm darum, das Personsein der Menschen zu erhalten, d.h., ihnen mit Respekt zu begegnen und ihnen zu helfen, ihr Antlitz zu bewahren, ohne sie auf ihre Krankheit zu reduzieren.

Mit der Erinnerungarbeiten

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Erinnerungsarbeit. Auch wenn Demenz erhebliche Verluste der kognitiven Fähigkeiten nach sich zieht, kann das Langzeitgedächtnis oft relativ intakt bleiben. Erinnerungsarbeit kann am besten anhand der Biografie von Menschen mit Demenz durchgeführt werden. Erinnerungen können mit Gegenständen(Fotoalben, alte Schulranzen), dem Wiederauflebenlassen alter Fähigkeiten (Malen, Instrumente spielen), durch Situationen (Tanzabende ,alte Platten anhören, Filme von früher anschauen) und durch Naturerlebnisse (Tiere, Pflanzen, Gerüche) wachgerufen werden.
In vielen Senioreneinrichtungen wird das Konzept des »Snoezelen« eingesetzt. Oft gibt es hierfür einen eigenen kleinen Raum, in dem der kombinierte Einsatz von Licht, Klängen und angenehmen Gerüchen sowie die Nähe zu einem Betreuenden für eine angenehme Stimulierung der Sinne sorgen.
Menschen mit Demenz benötigen nicht nur geistige Anregung und Geborgenheit und Hilfe im Alltag, sondern oft auch eine Rundum-die-Uhr-Beaufsichtigung. Dies kostet Geld. Derzeit erstattet die Pflegekasse ambulant versorgten Erkrankten unter bestimmten Voraussetzungen 460 Euro pro Jahr für zusätzliche Betreuungsleistungen. Diese Mittel sollen im Rahmen der Reform der Pflegeversicherung voraussichtlich zum 1.Juli 2008 auf bis 2400 Euro pro Jahr angehoben werden und auch Personen der Pflegestufe 0 zugänglich werden.

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Positive Interaktion

Anerkennen
Ein Mensch mit Demenz wird anerkannt, ist namentlich bekannt, wird gegrüßt – und es wird ihm zugehört.

Verhandeln
Die Person wird nach ihren Vorlieben, Wünschen und Bedürfnissen gefragt, statt nur zu vermuten.

Zusammenarbeiten
Bei der Pflege spielt die Person keine passive Rolle, sondern ihre eigene Initiative und ihre eigenen Fähigkeiten sind beteiligt.

Spielen
Übung in Spontaneität und Selbstausdruck, eine Erfahrung, die ihren Wert in sich selbst hat. Viele Erwachsene haben auf diesem Gebiet nur schlecht entwickelte Fähigkeiten.

Timalation
Sensorische oder sinnbezogene Zugangsweise ohne die Notwendigkeit intellektuellen Verstehens, z. B. Aromatherapie oder Massagen.

Feiern
Menschen mit Demenz behalten oft die Fähigkeit zu  feiern. Die Trennung zwischen Betreuendem und Betreutem verschwindet fast völlig, da alle von der gleichen Stimmung erfasst sind.

Entspannen
Viele Menschen mit Demenz vermögen nur zu entspannen, wenn andere in der Nähe sind oder wenn unmittelbarer Körperkontakt hergestellt wird.

Validation
Anerkennen der Emotionen und Gefühle einer Person und Antworten auf der Gefühlsebene. Versuch, den gesamten Bezugsrahmen einer Person zu verstehen, selbst  wenn er chaotisch, paranoid oder halluzinär ist.

Halten
Ist das Halten sicher, kann eine Person im Erleben wissen, dass verheerende Emotionen, wie abgrundtiefer Schrecken oder überwältigende Trauer, vorübergehen. Das psychologische Halten kann wie in der Kinderpflege auch das körperliche Halten umfassen.

Ermöglichen
Eine Person in die Lage versetzen, etwas zu tun, das sie ansonsten nicht tun könnte, in dem diejenigen Teile der Handlung übernommen werden, die fehlen.