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Volkskrankheit Depression
Seele im Schatten
Depressionen entwickeln sich zur Volkskrankheit —
bis zu fünf Prozent der Bevölkerung leiden daran,
das sind gegenwärtig in Deutschland immerhin vier
Millionen Menschen. Auf die Lebenszeit übertragen,
heißt dies, dass ungefähr jeder Fünfte irgendwann an
einer Depression erkrankt. Betroffen sind Menschen
aller Altersgruppen und sozialen Schichten, Männer
übrigens fast genauso häufig wie Frauen — bei
Männern äußert sich die Depression nur anders.
Von Dipl.-Psych. Gisela Finke
Was ist eine Depression?
Nicht jede alltägliche
Verstimmung ist gleich
eine behandlungsbedürftige
depressive Erkrankung.
Es ist »normal«, wenn wir nach einer Enttäuschung
oder einem Verlust traurig oder eben »deprimiert
« sind.
Hält dieser Zustand jedoch
wochen- oder monatelang an und
ist auch gar nicht mehr so recht
durch einen Auslöser zu erklären, so
kann es sich um eine behandlungsbedürftige,
so genannte klinische
Depression handeln.
Die wichtigsten
Symptome hierfür sind, zusätzlich
zur insgesamt gedrückten Stimmungslage:
- Tätigkeiten wie Hobbys oder Unternehmungen,
die früher Spaß gemacht
haben, geben einem nichts
mehr.
- Es fehlt die Energie, sich zu irgend
etwas aufzuraffen.
- Der Appetit hat stark nachgelassen.
Gewichtszunahme ist eher selten,
aber bei der »Winterdepression« wieder relevant (siehe unten).
- Das sexuelle Interesse kommt
zum Erliegen.
- Schlafstörungen; meist als zu
frühes Erwachen am Morgen.
Zu den psychosomatischen Beschwerden
einer depressiven Erkrankung
zählen:
- Angstgefühle, quälende Unruhe,
Neigung zu Selbstvorwürfen undSchuldgefühlen.
- Selbstmordgedanken und Selbstmordversuche
in schweren Fällen.
Ärzte und Therapeuten unterscheiden
heutzutage verschiedene Formen
und Schweregrade der Seelenkrankheit:
Die Depression kann – je
nach Dauer und Heftigkeit der
Symptome – leicht, mittel oder
schwer sein, sie kann »unipolar«
verlaufen oder »bipolar«: Hier
wechseln sich depressive Phasen mit
Phasen rastloser Hochstimmung ab.
Wut und Trauer
richten sich gegen
die eigene Person.
Man nimmt heute an, dass es für Depressionen auch eine genetische
Disposition gibt. Diese Erkenntnis
hilft jedoch wenig, denn wir können
unsere Gene nicht ändern und müssen
damit leben. Damit eine Depression
allerdings ausbricht, müssen
emotionale Belastungen aus unserem
sozialen Umfeld hinzutreten.
Meist haben diese im weiteren Sinn
etwas mit einem Verlust zu tun, der
uns ereilt und dem gegenüber wir
uns hilflos fühlen: Ein Mensch verlässt
uns, der Arbeitsplatz geht verloren,
ein Ziel wird nicht erreicht.
Was bleibt, ist ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit
und Hilflosigkeit.
Während sich robustere Menschen
von Tiefschlägen erholen und nach
einer Weile Lebensmut und -freude
wiedergewinnen, verschließt der
Depressive diese Erfahrungen tief in
seinem Inneren. Hierbei ist es so,
dass dieser besondere Verarbeitungsprozess
lebenszeitlich wirkt:
Alte Verluste können nicht verarbeitet
und »abgelegt« werden, neue
Verluste kommen hinzu – so dass
manchmal ein relativ »kleiner« Anlass
eine massive depressive Reaktion
auslösen kann.
Statt »nach außen« zu weinen oder
zu lamentieren, richten sich Wut
und Trauer nach innen gegen die eigene
Psyche, denn der Depressive
gibt sich die Schuld an den Ereignissen. Die Seele verstummt – Depressive
beschreiben ihren Zustand oft als »innere Leere«.
Psychotherapie ist
unabdingbar
Heute können ungefähr 80 Prozent
der Depressionen geheilt werden.
Bei leichteren Fällen hilft eine Psychotherapie
bei einem qualifizierten Ärztlichen oder Psychologischen
Psychotherapeuten. Hier wirkt auch – wie in wissenschaftlichen Studien
nachgewiesen wurde – als sanftes
Heilmittel das Johanniskraut. Es
sollte in solchen Fällen in Drageeform
in einer Dosierung von drei
Mal täglich 300 Milligramm eingenommen
werden. Tees sind relativ
wirkungslos, weil der Wirkstoff Hypericin
hier nicht standardisiert ist.
Bei mittleren und schweren Depressionen
wird zusätzlich zur Psychotherapie
auch ein medikamentöses
Antidepressivum verordnet. Doch
keine Angst: Die modernen Antidepressiva
müssen zwar in der Regel
mehrere Monate oder gar Jahre hinweg
eingenommen werden, machen
aber nicht abhängig. Sie wirken
außerdem erst – wie auch das Johanniskraut
– nach 10 bis 14 Tagen.
Bei schweren Depressionen, insbesondere,
wenn Selbstmordgedanken
und -absichten überhand nehmen,
müssen die Betroffenen zunächst in
eine psychiatrisch-psychotherapeutische Klinik aufgenommen werden,
um das Schlimmste abzuwenden.
In diesem Zusammenhang ist das
Folgende wichtig: Eine ausschließlich
medikamentöse Behandlung
kann die Symptome lindern – sie
beeinflusst aber natürlich nicht die
Auslöser der Depressionen, also die
gestörte Verarbeitung von Trennungen,
Verlusten und Misserfolgen,
die das menschliche Leben nun einmal
unweigerlich mit sich bringt.
Auf Dauer kann hier nur eine gute
Psychotherapie – d.h. eine angeleitete
Arbeit am eigenen Selbst – wirklich
helfen!
Was Sie selbst tun
können
Wenn Sie zu depressiven Verstimmungen
neigen, können Sie selbst
viel tun, damit Sie nicht irgendwann
in chronischer Depression versinken
oder – nach einer überwundenen
Erkrankung – einen Rückfall erleiden.
Hier ist zum Einen Ihr Körper
einer Ihrer besten Verbündeten.
Alles, was Ihren Organismus aktiviert,
hilft auch Ihrer Psyche:
- Gehen Sie täglich mindestens
30 Minuten an der frischen Luft
spazieren oder fahren Sie Rad. Das
wirkt anerkanntermaßen antidepressiv.
- Gönnen Sie sich einmal pro
Woche eine Massage. Ihre antidepressive
Wirkung ist inzwischen
wissenschaftlich belegt, sie belebt
das Körpergefühl und den Tastsinn.
- Trainieren Sie Ihre Sinne: Üben
Sie, Parfüms am Duft zu unterscheiden,
hören Sie Musik, besuchen Sie
Ausstellungen, probieren Sie neue
Geschmacksrichtungen aus.
- Vitalisieren Sie Ihren Körper ausreichend
mit Vitaminen und Mineralstoffen.
Das ist die körperliche Seite. Doch
genauso wichtig ist es, dass Sie
etwas für Ihren »psychologischen
Stoffwechsel« tun:
- Nobody is perfect – auch Sie
nicht. Urteilen Sie über sich selbst
nicht strenger als über andere.
- Bringen Sie Ärger und Wut an die
richtigen Adressaten: Verteidigen
Sie sich z. B., wenn sich jemand an
der Kasse vordrängelt oder Sie jemand
mobbt – auch wenn es vermeintlich
»nichts nutzt«. Es nutzt in
jedem Fall Ihrer Psychohygiene.
- Erstellen Sie eine Liste aller Aktivitäten,
die Ihnen Spaß machen –
oder früher einmal Spaß gemacht
haben. Üben Sie pro Tag mindestens
eine dieser Aktivitäten für 30 Minuten
aus (z. B. Lesen, jemanden privat
anrufen, malen...); pro Woche sollten
Sie sich ein größeres »Highlight« gönnen wie Kino, Ausstellung,
Sauna, Konzert, Ausflug...
- Ganz wichtig: Gehen Sie unter
Menschen, pflegen Sie Kontakte.
Der Mensch ist ein »Herdentier«,
zuviel Alleinsein tut den meisten
nicht gut. Der Wunsch, »endlich
mal Ruhe zu haben« führt bei Leuten,
die zu Depressionen neigen, in
einen Teufelskreis: Je mehr Einsamkeit,
umso depressiver werden sie.
SAD – im Winterschlaf
Als »Saisonal abhängige Depression« (SAD) wird eine Symptomatik beschrieben, die derjenigen der echten
Depression sehr ähnelt, aber
keine ist. Sie wird auch als »Winterdepression« bezeichnet, weil sie im
Herbst einsetzt und im Frühling,
wenn die Tage wieder heller und
länger werden, fast wie von selbst
verschwindet.
Schon 1921 schrieb Emil Kraepelin,
einer der Begründer der Psychiatrie:
»Wiederholt beobachtete ich bei
diesen Fällen, dass im Herbst eine
Niedergeschlagenheit einsetzte, die
im Frühjahr, ›wenn der Saft in die
Bäume schoss‹, vorüber war und in
einen Erregungszustand überging,
der in einem gewissen Sinne jenen
emotionalen Veränderungen entsprach,
von denen selbst gesunde
Individuen beim Wechsel der Jahreszeiten
ergriffen werden.«
Anders als Bären, Dachse oder Murmeltiere
gehört der Mensch nicht zu
den Arten, die einen Winterschlaf
halten. Wie aber die Aktivität schonüber den Tag hin im Biorhythmus
ab- und zunimmt, lassen sich auch
im Jahresverlauf Schwankungen des
Aktivitätspotentials ausmachen, die beim einen Menschen stark, beim
anderen schwächer ausgeprägt sind.»Schuld« an der Winterdepression
ist die Zirbeldrüse (Epiphyse). Sie
befindet sich an der Gehirnbasis
und reagiert auf Dunkelheit mit der
Ausschüttung des Hormons Melatonin,
das eine beruhigende Wirkung
hat. Beim Menschen erhöht sich der
Melatonin-Spiegel im Blut ungefähr
eine Stunde nach Eintreten der
Dunkelheit und steigt bis auf den
fünffachen Wert des Tagesniveaus
an, um dann allmählich wieder abzusinken.
Man nimmt an, dass bei Menschen,
die für die Winterdepression anfällig
sind, der müde machende Melatonin-
Spiegel auch schon ansteigt,
wenn ab Herbst die Sonneneinstrahlung
schwächer wird und die
Tage kürzer werden. Künstliches
Licht hilft hier wenig, denn auch die
hellste Halogenlampe ist um ein Vielfaches schwächer als das Tageslicht
der Sonne. Der »Stichtag« für
den Beginn der Winterdepression
wird von vielen Betroffenen einhellig
als der Tag angegeben, wenn
Ende Oktober die Uhren auf Winterzeit
zurückgestellt werden.
Das Bild der Winterdepression unterscheidet
sich dabei in einigen
Punkten deutlich von der psychisch
bedingten Depression: Die Betroffenen
schlafen im Winter mehr. Sie
nehmen in den Wintermonaten
meist zu, weil sie einen Heißhunger
vor allem auf Kohlenhydrate haben.
Werden die Tage heller, hellt sich
auch die Stimmung wieder auf.
Es werde Licht!
Was tun bei Winterdepression? Sehr
gute Erfahrungen wurden mit einer
Lichttherapie gemacht. Der Betroffene
setzt sich morgens und abends
für ein bis zwei Stunden vor eine
starke Lichtquelle, die so genanntes
Vollspektrumlicht abstrahlt. Solche
Lampen sind im Handel erhältlich,
und inzwischen nicht mehr so teuer
wie früher (ab ca. 200 Euro).
Der Effekt des Lichts kann gesteigert
werden, indem man sich ein regelrechtes »Frühlingszimmer« einrichtet:
helle, leuchtende, sommerliche
Farben, rische blühende Blumen
auch im Winter. Grünpflanzen sind
ein Muss für ein Frühlingszimmer.
Eine Aromalampe, die leichte, anregende
Düfte abgibt (z. B. Limone,
Rose, Citrus oder Maiglöckchen),
und leichte, heitere Musik tun ein Übriges.
Eine weitere Möglichkeit liegt in der
Flucht: Wer es sich leisten kann,
sollte im Winter in den Süden in
sonnigere Gefilde reisen und im
Sommer, wenn es hierzulande sowieso
heller ist, zu Hause bleiben. |
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Antidepressiva verändern den Stoffwechsel des Gehirns
Die Wirkung von antidepressiven Medikamenten besteht darin, dass sie die Wirkung der Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin regulieren. Beide sind im Gehirn für die Informationsverarbeitung verantwortlich. Ein erhöhter Serotonin-Spiegel löst Wohlbefinden und Glücksgefühle aus; Serotonin wird deshalb auch als »Glückshormon« bezeichnet. Noradrenalin aktiviert das sympathische Nervensystem und steigert z. B. den Blutdruck und die Herzfrequenz. Die Präparate fördern entweder die Ausschüttung einer oder beider Botenstoffe oder verlangsamen deren Abbau. Sie wirken zu Beginn der Einnahme vor allem beruhigend und schlaffördernd, nach längerer Einnahme hellen sie dann auch die Stimmung auf.
Berühmte Depressive
Depressionen machen auch vor Personen der Zeitgeschichte nicht halt.
Zur Schar der prominenten Erkrankten zählen Berühmtheiten wie Michelangelo, Heinrich von Kleist, Marilyn Monroe, Kaiserin Sisi, Ernest Hemingway, Frederic Chopin oder Karl May. Gegenwärtig sind »bekennende« Depressive z. B. die Sängerin Mariah Carey, der Popstar Robbie Williams und der Fußball-Nationalspieler Sebastian Deisler. Wurde die Erkrankung früher tabuisiert, so macht gerade das Beispiel erkrankter berühmter Zeitgenossen zweierlei deutlich: Depressionen können (fast) jeden treffen, haben mit realem Erfolg nichts zu tun – und sie sind behandelbar und heilbar.
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