Das deutschlandweit einmalige »Münchner Projekt« erhöht die Patientensicherheit im Kreißsaal am LMU-Klinikum
Simone S. (36) freut sich auf ihr erstes Kind, es wird eine Tochter sein. Noch vier Wochen bis zur Entbindung, wenn alles glatt läuft. Trotz eines erhöhten Risikos — die werdende Mutter ist Diabetikerin und leidet an hohem Blutdruck — ist sie sehr zuversichtlich und hat sich bewusst für die Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) entschieden. »Ich habe mich informiert, wie die Hebammen und Ärzte am Uniklinikum auf schwierige Situationen vorbereitet sind. Als Erstgebärende in meinem Alter ist das besonders wichtig . . .«, meint Simone S.
Von Philipp Kreßirer
Der betreuende Arzt, Professor Dr. Franz Kainer, Leiter der Geburtshilfe, konnte Simone S. im Gespräch überzeugen. »Sowohl in der Maistraße wie auch in Großhadern können wir den höchsten medizinischen Standard anbieten. Seit einiger Zeit hat sich die Sicherheit für Mutter und Kind noch erhöht, da wir regelmäßige Übungen mit Ärzten und Hebammen durchführen.« Im sogenannten »Münchner Projekt« üben die Mitarbeitenden der Geburtshilfe an Simulationspuppen. Die Simulation von Risikosituationen zur Fehlervermeidung ist in der Luftfahrt seit langem bekannt. Seltene, mitunter aber lebensbedrohliche Situationen können so mehrfach ohne Schaden für die Beteiligten trainiert werden. Auch in der Geburtshilfe gibt es sehr seltene, aber in ihrer Dramatik und Dynamik ernste Komplikationen mit teilweise gravierenden Folgen für Mutter und Kind. Geburtsimulationen am Phantom gibt es in der Geburtshilfe seit mehr als 100 Jahren – so lange besteht übrigens auch die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Münchens Innenstadt. Technisch ausgereifte Geburtssimulatoren, die ein wirklichkeitsgetreues Szenario ermöglichen, stehen jedoch erst seit Kurzem zur Verfügung.
Realistische Simulation
»In Zusammenarbeit mit dem Institut
für Notfallmedizin und Medizinmanagement
(INM), der Klinik
für Anästhesiologie sowie der Klinik
für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
der Ludwig-Maximilians-
Universität München wurde im
letzten Jahr ein Simulationskreißsaal
errichtet, der auch weltweit bislang
nur an sehr wenigen Zentren
existiert«, sagt der Geschäftsführende
Vorstand des INM, Professor
Dr. Christian Lackner. Diese Einrichtung
ist Teil eines international
führenden Zentrums zur Simulation
von Abläufen in der Medizin,
um die Sicherheit für Patienten zu
steigern. Den Kliniken der LMU
und somit allen Fachbereichen steht
damit ein einzigartiges Trainingszentrum
zur Verfügung. »Die offizielle
Einweihung ist für den Herbst
geplant, aber schon jetzt haben wir
eine Vielzahl von Anfragen, weil die
Möglichkeiten hier wirklich einzigartig
sind«, so Lackner.
Die ferngesteuerten Simulationspuppen sind in einem voll ausgerüstetem Kreißsaal installiert, in dem Mutter und Kind nach modernsten Methoden von einem Team behandelt werden können. »Sämtliche Risikosituationen wie etwa Blutungen, Notfall-Kaiserschnitte, Schulterdystokien oder akuter kindlicher Sauerstoffmangel lassen sich wirklichkeitsgetreu darstellen und vermitteln den Medizinern und Hebammen ein realistisches Szenario«, betont Professor Kainer.
Der Ablauf wird dabei von mehreren Videokameras aufgezeichnet, sodass eine ausführliche Fehleranalyse möglich ist. »Nach den Übungen setzen sich alle Beteiligten zusammen und sprechen die einzelnen Aktionen durch. Dabei kommt es nicht nur auf die fachlichen Maßnahmen an, sondern auch darauf, ob z. B. bei der Kommunikation untereinander noch Verbesserungen möglich sind«, sagt Professor Lackner. Das ist gerade auch im Zusammenspiel der Hebammen mit den Ärzten ein wichtiger Punkt. »Durch das Simulationstraining werden viele Faktoren angesprochen, die die interdisziplinäre Zusammenarbeit verbessern, beispielsweise die Fähigkeit zur Wahrnehmung oder Kooperation. Wir sehen, dass geschulte Teams effizienter arbeiten, sowohl miteinander als auch in der Betreuung der Gebärenden«, sagt Sonja Opitz, Lehrhebamme an der Berufsfachschule für Hebammen an der Frauenklinik der LMU in der Maistraße.
Maximale Patientensicherheit
Die an den Übungen Beteiligten
erleben das Szenario als sehr realistisch.
Nicht nur der eigentliche
Geburtsvorgang kann mit Simulationspuppen
durchgespielt werden,
eine ferngesteuerte Babypuppe zur
Erstversorgung, die auch Schreien
kann, steht ebenfalls bereit. »Auf
diese Weise bilden wir den gesamten
Vorgang einer Geburt nach und
können unsere Leute immer wieder
trainieren«, sagt Professor Kainer.
»Deutschlandweit stehen wir
somit an der Spitze, was Fehlervermeidung
und Patientensicherheit
anbelangt.«
Das Klinikum der Universität München
zählt mit rund 4000 Entbindungen
pro Jahr an den Standorten
Campus Innenstadt (Maistraße)
und Campus Großhadern zu den
ersten Adressen in Bayern. Die Perinatalzentren
haben die höchste Versorgungsstufe.
Neben der schulmedizinischen
Betreuung wird zudem
großer Wert auf die persönliche und
psychische Betreuung gelegt.
